Jetzt ist es fast ein ganzes Jahr her, seit meinem schweren Unfall auf der Rennstrecke. In den vergangenen Wochen sass ich zwar immer wieder einmal auf dem Motorrad, um kurze Runden zu drehen, aber gut ging es noch nicht. Die letzten zwei Wochen war ich nun jeden Tag, ob Regen oder Sonne, auf zwei Rädern zur Arbeit unterwegs – und zum einen habe ich vieles vermisst, zum anderen aber auch vieles nicht.

Vermisst habe ich zum Beispiel, wie wunderschön es ist, die Umgebung wieder besser mit allen Sinnen erfassen zu können. Die Gerüche sind intensiver, die Bodenwellen auch und Regen ist wirklich rutschig und nass. Gerade diese Wahrnehmung ist ein Teil meines Lebens, der mir wahnsinnig gefehlt hat. Ich geniesse es, auch wenn der Verkehr nicht unbedingt immer eine freie Fahrt zulässt.

Und genau dieser Verkehr ist eine Sache, die ich nicht vermisst habe. Man spürt den Stress der Leute richtig beim Fahren. Es wird kaum Abstand gehalten, gedrängelt, um vielleicht doch noch ein paar Sekunden zu gewinnen. Dabei lassen sich diese paar Sekunden kaum als echter Gewinn verbuchen – an der nächsten Kreuzung oder, noch schlimmer, am nächsten Kreisverkehr sind sie ohnehin wieder futsch. Das scheinen viele nicht zu sehen.

Es kommt mir vor, als würden viele wie ferngesteuert fahren und noch dazu pausenlos mit ihrer Basis via Handy kommunizieren. Sie schauen dich an, sehen dich aber nicht, wie Roboter. Wobei ich mir durchaus vorstellen kann, dass einige vielleicht ganz umgängliche Wesen sein könnten – egal ob Frau, Mann oder divers.

Stattdessen scheinen Ego und Ablenkung zu dominieren. Genau diese Dinge haben meiner Meinung nach nichts im Strassenverkehr zu suchen. Und würde all die Energie, die ins Ego, ins eigene «ich zuerst» und in die Aufmerksamkeit für Social Media fliesst, stattdessen ins Miteinander gesteckt werden – es würde so viel besser auf der Strasse funktionieren. Das tut es aber leider oft nicht.

Ich versuche, entspannt mit dem Ganzen umzugehen, aber ich merke einfach, dass es für solche Dinge mehr Kontrollen geben sollte als für die Geschwindigkeit. Doch das wäre natürlich weit aufwendiger, als irgendwo einen Blitzer hinzustellen und zu warten, bis «ein Täter» erwischt wird. Von allen Verkehrsteilnehmern würde ich mir wünschen, dass sie sich einer Sache bewusster sind: Man bewegt ein Fahrzeug, egal ob auf zwei oder mehr Rädern, und da sind noch andere auf der Strasse. Ein Miteinander statt Gegeneinander – und wer Mängel im eigenen Verhalten bemerkt, arbeitet an sich. Zum Wohle von einem selbst und den anderen Verkehrsteilnehmern.

Denn diese ganze Freiheit kann einem schneller genommen werden, als man denkt. Und je nach Situation reicht dann vielleicht ein «tut mir leid, ich war im Stress» nicht mehr aus – oder holt niemanden mehr zurück. In diesem Sinne: Ich wünsche allen eine gute und sichere Fahrt sowie mehr Rücksicht und Verständnis.

PS: Das Leben ist zu schön, als dass man sich die Energie im Strassenverkehr und bei der digitalen Reizüberflutung rauben lassen sollte. Geniess es mit all seinen Höhen und Tiefen!